Marode in Germany
"Vokswagen steht stellvertretend für die ganze Republik und die große Frage, wie gut das alte
Erfolgsversprechen der sozialen Marktwirtschaft noch funktioniert. Schließlich galt der
Autobauer als Musterbeispiel dafür, wie Konzerne und Arbeiterschaft ihren Wohlstand
gemeinsam mehren können.
Volkswagen einte die Interessen von Arbeit und Kapital. Doch das funktionierte nur, solange
das nötige Schmiermittel für die Harmonie im Wolfsburger Arbeiterparadies sprudelte: Geld.
Die Chefetage ließ ihre Autos millionenfach an deutschen Standorten wie Wolfsburg, Emden
oder Zwickau bauen, obwohl die Produktion in ausländischen VW-Werken, etwa in Tschechien,
der Slowakei oder Portugal
teils nur die Hälfte kostet.
Schließlich ließen sich mit den
Milliardengewinnen aus der Volksrepublik die Defizite am
Standort Deutschland kaschieren.
Doch mittlerweile hat der Konzern auch in China ein massives Problem. Auch einst glänzende
Tochtermarken wie Audi und Porsche tun sich schwer.
Die Folge: Die teuren Werke in Deutschland lassen sich nicht mehr quer subventionieren.
Die exorbitanten Kosten und Ineffizienzen werden gnadenlos offengelegt.
Die zehn Automarken des Konzerns, von Audi über Porsche bis zu Skoda, Seat und Cupra,
seien sich untereinander "spinnefeind", beklagt eine langjährige Top-Führungskraft."
Anmerkung: Dies kennt man ja historisch von British Elend...äh...British Leyland. Interne
Streiterei beschleunigte den Zerfall. Daraus hätte man lernen können.
https://www.youtube.com/watch?v=b9ztUlve9jc
"Das Wolfsburger Herrschaftssystem war lange von Alphatieren wie Ferdinand Piëch oder
Martin Winterkorn geprägt. Sie führten autoritär und hatten pompöse Pläne.
Der heutigen Konzernchefgeneration fehlt die große Zukunftsvision, auch von den
Familien Porsche und Piëch, den Mehrheitsaktionären, kommen keine bahnbrechenden Ideen.
Die vielleicht letzte Chance des Autoherstellers besteht darin, seine alten Machtstrukturen
zu hinterfragen, sich zu öffnen. Hin zu neuen Technologiepartnern, hin zu Experten aus
Zukunftsbranchen, wie Software und künstlicher Intelligenz. Das bedeutet mehr Silicon
Valley, weniger Wolfsburg.
Schafft Volkswagen den Wandel, wäre das ein Aufbruchsignal für den gesamten Standort
Deutschland. Konzern und Land haben eines gemeinsam: Sie benötigen dringend Reformen,
die sie viel zu lange aufgeschoben haben.
Beispiel Kostenwahnsinn: Eine Kanne Kaffee, vom internen Cateringservice bei VW in den
Konferenzraum geliefert, werde intern mit 62 Euro abgerechnet.
Zudem konstruieren deutsche Konstrukteure an den Bedürfnissen der chinesischen Kunden
vorbei. Die legen Wert auf Sitze, die sich in die Waagrechte stellen lassen. Einige
chinesische Automobilhersteller bieten das inzwischen an. Aus dem Wagen wird ein
Schlafzimmer, in das sich Angestellte in den langen Mittagspausen zurückziehen. Bei VW
hat es lange gedauert, bis man das kapiert hat."
Anmerkung: Äh, wie lange gibt es jetzt schon U.S. Conversion Vans, die genau das anbieten?
Hat sich dies VW nicht vom U.S. Markt abschauen können? Oder haben die wieder einmal auch
in China "den Markt nicht verstanden"? Kein Wunder, dass sich der VW Bus im Vergleich zum
zusammengeschusterten, jedoch bei guter Pflege äußerst haltbaren Astro/Safari kümmerlich
in den U.S. verkaufte. Da war ja kaum Ausstattung drin, das fraßen vielleicht die nicht so
verwöhnten Europäer, denen man das alles als "Luxus" einredete...AC, Fensterheber, elektrische
Spiegelverstellung etc. waren in Deutschland erst Mitte der 90er Usus. Die Japaner - über die
man damals auch Im Vorfeld lachte - hatten die Goodies schon über 10 Jahre früher in ihren
z. B. Mazda 323, 626 und 929 serienmäßig verbaut. Und wurden in Europa billiger angeboten.
"Der erste Elektro-VW ist in China so erfolgreich wie einst der Santana in Deutschland. Die
Sitze lassen sich nicht sonderlich weit zurückstellen, zudem nannten die Wolfsburger das
Modell ID.4. Einen miserableren Namen kann man sich in China kaum einfallen lassen.
Die Zahl "vier" klingt auf Chinesisch ausgesprochen fast genauso wie "Tod".
Anmerkung: Wie patschert ist VW eigentlich? Bereits Ende der 1980er wurde in der
"Qualitätszeitschrift" Auto Bild - damals kritisiert als VWs Haus- und Hofpostille - lang
und breit ausgeführt, welche Namen oder Nummern man in China "NICHT" verwenden darf.
Selbst ich als Teenager habe den Artikel damals gelesen und kapiert.
"Der Markenboss Thomas Schäfer - ein Weltbürger für einen Weltkonzern, sollte man meinen -
versteht viel von Autos und Fabriken, jedoch wenig vom Machtpoker in Wolfsburg. Ihm fehlt
das nötige Netzwerk und die Fähigkeit, "die Klaviatur dieses Konzerns zu bedienen", wie eine
Führungskraft das ausdrückt."
Anmerkung: Wer kennt das nicht? Fähige Leute werden ausgebremst, weil sie sich im
aufgedrängten Kleinkrieg verzetteln. Auf der anderen Seite ist es wohl auch eine
österreichische Spezialität, dass wir uns mit Vorgesetzten auseinandersetzten müssen,
die weder die Kompetenz noch die Ausbildung dafür haben, welche zu sein.
In Zeiten wie diesen jedoch kracht´s gegenwärtig in dieser Gruppierung gewaltig.
Muss man sich ja auch nicht bieten lassen. Qualifikation ist jetzt das Gebot der Stunde.
"Die Wolfsburger Machtspiele haben für informierte Beobachter oft hohen Unterhaltungswert,
ähnlich einer Netflix-Serie. Allerdings stehen hier Zigtausende reale Existenzen auf dem Spiel.
VW müsse seine Kontrollgremien breiter aufstellen, mit Autoexperten, aber auch mit Kennern
von Zukunftsbranchen wie KI. Stattdessen besetzen die Porsche und Piëchs ihre Mandate
überwiegend mit alten Vertrauten."
Anmerkung: Dies ist von vorvorgestern und wenn kein Umdenken einsetzt, wird sich das alles
übelst rächen. Ich hoffe für die europäische Wirtschaft, dass diese mit neuen Ideen und frischem
Wind den Umschwung schafft.
(vgl. Der Spiegel, Nr. 50/7.12.2024, S. 50 bis 56).