Comeback der Knöpfe im Auto
Touchscreens haben im Auto über die vergangenen Jahre viele Knöpfe ersetzt: Radio, Heizung, in manchen Fällen sogar Scheibenwischer und Schaltung sind heutzutage auf großen Bildschirmen angebracht. Das ist oft umständlich, manchmal auch gefährlich, wie Studien zeigen.
Das Europäische Neuwagenbewertungsprogramm (Euro NCAP) fordert deshalb mit 1. Jänner wieder mehr traditionelle Bedienelemente ein, um die für Hersteller prestigeträchtige volle Punktezahl zu erhalten – für 2026 bedeutet das ein Comeback der Knöpfe.
Viele Autohersteller haben über die vergangenen zwei Jahrzehnte das klassische Armaturenbrett nach und nach praktisch komplett durch Touchscreens ersetzt. Viele Funktionen wurden dadurch in Menüs versteckt. Dass etwa die Heizung mit Drehreglern eingestellt wird, ist für viele mittlerweile nur noch eine lange zurückliegende Erinnerung.
Dadurch mögen viele Autoinnenräume heutzutage an „Raumschiff Enterprise“ erinnern – doch der Nutzen für Fahrerinnen und Fahrer ist umstritten. Hersteller können bei der aufwendigen Verkabelung in Innenräumen sparen und unzählige Funktionen ohne Zusatzaufwand unterbringen. Doch wer während der Fahrt wichtige Funktionen erst mühevoll suchen muss, ist vom Geschehen auf der Fahrbahn abgelenkt, wie Daniel Deimel, Techniker beim ÖAMTC, gegenüber ORF.at sagte.
„Gefährlich lange Ablenkung“
Schon ein Test des deutschen Autofahrerclubs ADAC aus dem Jahr 2022 kam zu einem ähnlichen Ergebnis. Er warnte, das „Suchen und Finden von Funktionen in Digitalmenüs und Untermenüs“ führe „nicht selten zu gefährlich langer Ablenkung.“ Besonders schlecht schloss damals Teslas Modell 3 ab, weil auch „sicherheitsrelevante Fahrfunktionen“ zu langer Ablenkung führten.
Der ADAC forderte schon damals separate Tasten für wichtige Fahrzeugfunktionen und eine „standardisierte Bedienung“, also etwa der „Warnblinker mittig auf dem Armaturenbrett“, die sicherstellen soll, dass auch Menschen, die mit dem jeweiligen Pkw nicht vertraut sind, damit umgehen können. Mahnende Worte allein führten in den vergangenen Jahren aber zu keinem Umdenken.
Sicherheitsbewertung als Verkaufsargument
Mit Jahresbeginn gibt es nun aber ein gutes Argument für Hersteller, die Bedienung in ihren Autos zu überdenken. Denn auch Euro NCAP reagierte auf die Gefahr und Kritik vonseiten der Fahrerinnen und Fahrer. Deshalb überarbeitete man das anerkannte Bewertungsprogramm grundlegend.
So müssen nun wesentliche Funktionen per Taste im Auto steuerbar sein, um die Höchstwertung erreichen zu können. Diese sei „durchaus wichtig“ für die Autohersteller, weil sie auch ein Verkaufsargument darstelle. Seit der ursprünglichen Ankündigung im Jahr 2024 haben bereits einige Hersteller reagiert, etwa VW, BMW und Kia, zuletzt kündigte auch Mercedes an, wieder mehr auf Knöpfe zu setzen. Weitere Hersteller und Modelle werden wohl im neuen Jahr folgen.
Von Scheibenwischer bis Hupe
Konkret heißt es in den Vorgaben von Euro NCAP, dass Blinker, Schaltung, Hupe, E-Call-Funktion, Scheibenwischer und Fernlicht als „direkte physische Eingabe“ verfügbar sein müssen – sprich: mit einem Druckknopf (oder etwas, das „sich beim Drücken wie ein Knopf anfühlt“, wie es in dem Dokument heißt).
Deimel verwies auf die wichtige Rolle von „haptischem Feedback“ im Auto, also etwas wirklich angreifen und die Betätigung spüren zu können.
Der „Griff zur Seite“ sei viel weniger Ablenkung, als „durch Menüs zu navigieren“, so Deimel weiter. Auch interne Studien würden das belegen, so der Experte. Überhaupt sei Haptik im Auto ein großes Thema: So seien etwa glatte Oberflächen problematisch, hier würden entsprechende Kanten helfen, Funktionen auch ohne Blick weg von der Fahrbahn erkennen zu können.
Neben Knöpfen bremst Euro NCAP auch andere moderne Errungenschaften im Auto, die sich in manchen Situationen als störend herausgestellt haben. So will man Fahrassistenzsysteme künftig anders bewerten: Fahrerinnen und Fahrer seien von häufigen Warnungen irritiert, heißt es, deshalb sollen Systeme wie der Spurhalteassistent auf ihre „Leichtgängigkeit und intuitive Bedienung“ geprüft werden, wie es in einer Ankündigung hieß.
Nicht weniger Technik im Auto
Strengere Vorgaben für die Sicherheit bedeuten freilich nicht, dass in Autos weniger Technik verbaut wird – in den neuen Richtlinien gibt es etwa zusätzliche Punkte für die dauerhafte Beobachtung von Augen- und Kopfbewegungen, um Ablenkungen rechtzeitig erkennen zu können.
Die Hersteller setzen unterdessen auf Alternativen zum Touchscreen. Vor allem Sprachsteuerung kommt in vielen Modellen vermehrt zum Einsatz, dort ist, durch die Fortschritte bei der Spracherkennung, auch noch Verbesserungspotenzial vorhanden.
Das Comeback der Knöpfe zeigt aber auch: Nicht alle technischen Änderungen werden von den Käuferinnen und Käufern gewünscht oder erweisen sich überhaupt als sinnvoll.
Quelle:
https://orf.at/stories/3409330/
Na, da kommen die sogenannten "Sicherheitsexperten" aber früh drauf.
Ist doch alles ein uralter Hut und das mit der Ablenkung war immer schon völlig klar. Lernt' s Geschichte.